Der Sammlungsraum

Seit einigen Jahren verfügt die Stiftung Kunsthaus-Sammlung über einen Raum, in welchem sie ihre Neuanschaffungen oder eine Auswahl der Werke aus der Sammlung zeigen kann.

Fragmentarischer Bildraum, Ausstellungsansicht / vue d’exposition, Foto / photo: Lia Wagner
Fragmentarischer Bildraum, Ausstellungsansicht / vue d’exposition, Foto / photo: Lia Wagner
Fragmentarischer Bildraum, Ausstellungsansicht / vue d’exposition, Foto / photo: Lia Wagner
Fragmentarischer Bildraum, Ausstellungsansicht / vue d’exposition, Foto / photo: Lia Wagner
Fragmentarischer Bildraum, Ausstellungsansicht / vue d’exposition, Foto / photo: Lia Wagner

Fragmentarischer Bildraum

22.9.-24.11.2019

Mit Werken von Urs Dickerhof, Burhan Doğançay, Clare Goodwin, Werner Otto Leuenberger, Jürg Moser und Leopold Schropp.

Die aktuelle Sammlungspräsentation zeigt Werke, deren diverser Einsatz von Material auffallend ist: Einerseits finden sich einzelne Materialien, die zur symbolischen oder mythologischen Metapher erhöht wurden, andererseits fokussieren die Werke das Material selbst. Die Materialität erzeugt eine spezifische Sinnlichkeit und ist Gegenstand kultureller De- und Re-Kontextualisierungen, die einen veränderten Blick auf die Wirklichkeit ermöglicht.

Den gezeigten Werken ist eine vom Fragmentarischen bestimmte Bildsprache gemeinsam. Auf unterschiedliche Weise werden Brüche zur linearen Wirklichkeit geschaffen, sei es mit der Collage als metaphorischer Schnitt durch die Gesellschaft, mit der Akkumulation von Materialien, Gebrauchsgegenständen und Fundstücken oder mittels malerischer Auflösung des Bildraums. Das Zerlegen der Bildwelt in ihre Teile, Partikel und Bruchstücke, sowie das Referenzieren, Zitieren, Um- und Neubetonen schafft ein Spannungsfeld zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden. So können neue Sinnzusammenhänge entstehen, die nicht zuletzt auch durch die Perspektive des Betrachters erweitert werden.

Ausgehend des Erscheinungsbilds der modernen Industrie- und Unterhaltungsgesellschaft schafft Urs Dickerhof (*1941, CH) in La santa voglia (1987) eine bunte Bildrealität, die sich aus Stereotypen aus Film und Werbung, Comicfiguren, amerikanischen Sporthelden, Piloten und Astronauten zusammensetzt. Das präcodierte Bildmaterial aus den Massenmedien zergliedert er in schablonenhafte Flächen und setzt die Puzzleteile zu einer komplexen Bildstruktur zusammen, in welcher sich unterschiedliche Realitätsebenen gegenseitig überlagern und durchdringen. Mit Fragmenten bildet er eine narrative Komposition, in der sich seine subjektive sinnlich-emotionale Erfahrungswelt mit Elementen aus der Popkultur verbinden.

Das Thema der urbanen Wand prägt das Werk von Burhan Doğançay (1929-2013, TR) stark mit. Plakatwände mit ihren ständigen Überklebungen, das wieder Abreissen und die Idee der freigelegten Schichten von Plakatfragmenten inspirierten den Künstler und er kreierte Collagen, die wie Wandfragmente anmuten. Gefundenes Material und die Ästhetik der Massenkultur dienten ihm als künstlerischer Fundus: er überlagerte Versatzstücke des Alltags Schicht für Schicht und richtete seinen Blick auf Strukturen, Zeichen, Symbole und Bilder, die Menschen hinterlassen. Er bediente sich nicht nur der Collage, sondern verband sie mit Malerei, skulpturalen oder reliefartigen Elementen, Fotografie, Grafik und Zeichnung. Doğançay schafft in Dog Eat Dog (1998) ein Spannungsfeld von Konsum und Kommunikation, wo werberische Mittel mit subversiven oder komischen Kommentaren versehen wurden. Zum Anlass seiner diesjährig erreichten 90 Jahre sind ihm aktuell zahlreiche Ausstellungen gewidmet.

Clare Goodwin (*1973, GB) schafft Gemälde aus Linien, Formen und Muster. Als Bildtitel wählt sie englische Namen, wie Graham (2013), welche den Werken eine gewisse Intimität und persönliche Ebene verleihen. Durch ihren Ansatz einer abstrahierten, emotionalen Repräsentation der sichtbaren Welt unterscheidet sie sich stark von den mathematischen und logischen Konzepten der Konkreten. Sie zieht ihre Inspiration von ausrangierten Gegenständen aus den 1970er und 80er Jahren und reduziert diese Bildräume in ihre hard-edge Kompositionen.

Werner Otto Leuenberger (1932-2009, CH) beschäftigte sich in den 1960erJahren intensiv mit dem Holzschnitt. Herbstfeuer (1965) ist eine neunteilige Serie, bei welcher sich der künstlerische Eingriff auf einige Einkerbungen beschränkt, die doch ausreichend sind, geometrisierende, einfache Flächenkompositionen sichtbar werden zu lassen. Die Formen oszillieren zwischen Isolation und Zusammenspiel, Fragment und Ganzem. Sie sind abstrakt und deuten doch Objekte, Pflanzen oder den menschlichen Körper an. Eine organische Präsenz erhalten die Blätter auch wegen der faserigen Struktur des Holzes. In ihrer Materialität verweisen sie auf ihren eigenen Entstehungsprozess.

Basis der Arbeit von Jürg Moser (*1950, CH) bilden sogenannte ‘Fundorte von Skulptur’, ein fotografischer Fundus von alltäglichen Gegenständen mit skulpturaler Präsenz, die er durch Kopier- oder Vergrösserungsverfahren technisch verändert und in räumliche Arbeiten umformt. Between Shadows (1994) verweist auf den Raum, der zwischen einem Objekt und seinem Schatten entsteht. Dieses illusionäre Volumen verarbeitet er sinngemäss skulptural: Analog dem Auf- und Abtragen des Wachses in anderen Arbeiten, legt der Künstler auf Holz- und Kartonplatten einen mehrschichtigen Kreidegrund auf, dessen Leerstellen er mit Graphit zur fast ebenmässigen Fläche aufschichtet.

Das Werk Des Königs Mantel (1976) von Leopold Schropp (*1939, D/CH) besteht aus einem Fundstück – einer aufgestellten und viergeteilten Holzkiste mit einer darauf montierten rechteckigen Messingplatte, die sich in drei Dreiecke gliedert. Der Künstler kontrastiert die bildnerischen Mittel der Farbe und des Materials und verweist mit seiner Assemblage auf die Malerei, wie auf die Skulptur und auf das Verhältnis von Form, Farbe und Raum. Die überzeugendsten bildnerischen Aussagen hängen für den Künstler aber mit Urbildern, Symbolen oder Zahlenverhältnissen zusammen, da diese eine starke Allgemeingültigkeit haben und über ihre eigene Gültigkeit hinausweisen. In der Verwendung dieser Fragmente werde die Welt als Ganzes sichtbar. So kombinierte er hier die Zahl Vier, die im jüdischen Denken der materiellen Seite von Welt zugeordnet ist und mit Volumen, Wärme und Verschmutzung konnotiert ist, mit der Drei, die dem geistigen, energetischen Teil entspricht und mit Farbe und Reflektion zu tun hat.