Der Sammlungsraum

Seit einigen Jahren verfügt die Stiftung Kunsthaus-Sammlung über einen Raum, in welchem sie ihre Neuanschaffungen oder eine Auswahl der Werke aus der Sammlung zeigen kann.

Un certain espace, Ausstellungsansicht / Vue d’exposition / Exhibition view, Foto / photo: Lia Wagner
Un certain espace, Ausstellungsansicht / Vue d’exposition / Exhibition view, Foto / photo: Lia Wagner
Un certain espace, Ausstellungsansicht / Vue d’exposition / Exhibition view, Foto / photo: Lia Wagner

Un certain espace

14.4.2019-16.6.2019

Mit Werken von Clemens Klopfenstein, Les Levine, Chantal Michel, Susanne Müller, Monika Rutishauser, Martin Ziegelmüller

Die Ausstellung Un certain espace zeigt eine Auswahl an künstlerischen Arbeiten aus der Kunsthaus-Sammlung Pasquart, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Räumlichkeit auseinander-setzen. Im Spannungsfeld zwischen Zeichnung, Grafik, Malerei, Fotografie und Video versammelt die Präsentation Werke, die Raum, Zeit und Bewegung in Verbindung setzen und gängige Wahrnehmungs-muster hinterfragen.

Clemens Klopfenstein (*1944, Täuffelen), vor allem bekannt als Filmregisseur und Bühnenbildner, hat in der Serie Blast of Silence (1974) phantastische Räume entworfen, die in ihrer Bildsprache an die labyrinthischen Carceri des italienischen Kupferstechers und Architekten Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) erinnern. Wie bei Piranesi wird in Klopfensteins Architekturphantasien das Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit in einem undurchschaubaren Raum auf die Spitze getrieben. Im Titel bezieht sich Klopfenstein auf den Gangsterfilm Explosion des Schweigens (Blast of Silence, 1961), der mit seiner düsteren Ästhetik als ein spätes Meisterwerk des Film Noir gilt.

Im Werk der Foto-, Performance- und Videokünstlerin Chantal Michel (*1968, Bern) spielt die Auseinandersetzung mit dem Raum eine wichtige Rolle. In Sorry Guys (1997) macht sie den Raum durch spielerische Bewegungen in einem drei-dimensionalen Schwerefeld fassbar, wobei sie die Regeln der Schwerkraft zu durchbrechen scheint und die Orientierung von Oben und Unten ausser Kraft setzt. Sie löst sich so gleichsam von der Schwerkraft und wird unfassbar. Darauf spielt mit einem ironischen Augenzwinkern auch der Titel der Arbeit an.

Susanne Müller (*1953, Prêles bei Biel und Berlin) agiert sowohl im künstlerischen wie auch im architektonischen Bereich. Dabei sind Ort und Bewegung zentrale Themen in ihrem Schaffen. Im Leuchtbild Situationistische Intervention mit Laser (1999) hat sie ihren Atelierraum in Berlin mit einem Laser «ausgezeichnet» und so Räumlichkeit und Architektur des Lofts erforscht. Die einem wilden Tanz ähnelnden Bewegungen des Laserstrahls hielt sie mit einer Hasselblad 6×6-Kamera in einer Langzeitbelichtung fest und machte so die Raumlandschaft erst sichtbar.

Die Grafiken von Martin Ziegelmüller (*1935, Graben) gehören zum achtteiligen Zyklus Teilchenbeschleuniger (2012-2014), der 115 Radierungen umfasst und ironisch-phantastisch zeigt, wie sich einst klar gefasste Weltbilder in rasend-rotierende Teilchen aufgelöst haben. Der Künstler befragt dabei die Grössen Zeit, Raum und Materie und zeigt Kräfte des Kosmos im planetarischen Massstab. Es sind Räume, die trotz des kleinen Blattformats unsere Vorstellungskraft im Unendlichen und im unvorstellbar Grossen übersteigen. Der abgekoppelte Astronaut treibt im Vakuum des Raums, während die Irrlichter von Stonehenge als enigmatische Zeichen einer untergegangenen Zivilisation längst vergangene, rätselhafte Zeiten aufscheinen lassen. Die Schneeflocken werden zu Ikonen des Augenblicks, verbinden Raum und Zeit.

Les Levine (*1935, Dublin), bekannt als Pionier der Videokunst, interessiert sich nicht für traditionelle Ästhetik, sondern erkundet seine unmittelbare Umgebung und den physikalischen Raum. In Space Walk (1972) referiert er auf die Raumfahrt und begibt sich in einer Video-Performance auf einen «Raumspaziergang» durch seinen eigenen Arbeits- und Wohnbereich, erkundet dessen Besonderheit und Inhalt. Mit zunehmender Dringlichkeit stellt er immer wieder die Fragen «Weshalb bin ich in diesem Raum? Weshalb sind diese Dinge in diesem Raum?» und öffnet diesen für Betrachtung und Reflexion zugleich.

Monika Rutishauser (*1963, Zürich) bedient sich bei der Darstellung des Intérieurs Ohne Titel (1995) eines traditionellen Bildmotivs, formuliert dieses jedoch neu. Inspiriert von Illustrationen aus Innenarchitekturmagazinen malt sie Fragmente von Wohnräumen und parodiert die modische Kargheit und glatte Eleganz, wie sie uns in Lifestyle-Magazinen vorgegaukelt wird. Rutishauser reduziert Räume auf die zwei Dimensionen der Malerei, verzichtet auf das illusionistische Moment der Perspektive und präsentiert Wohnbereiche gleichzeitig als fiktive, entpersönlichte Architekturen im Bildraum.

Kuratorin der Ausstellung:  Caroline Komor