Der Sammlungsraum

Seit einigen Jahren verfügt die Stiftung Kunsthaus-Sammlung über einen Raum, in welchem sie ihre Neuanschaffungen oder eine Auswahl der Werke aus der Sammlung zeigen kann.

Inventaires, Ausstellungsansicht / vue d’exposition, Foto / photo: Lia Wagner
Inventaires, Ausstellungsansicht / vue d’exposition, Foto / photo: Lia Wagner
Inventaires, Ausstellungsansicht / vue d’exposition, Foto / photo: Lia Wagner
Inventaires, Ausstellungsansicht / vue d’exposition, Foto / photo: Lia Wagner

Inventaires

7.7.-8.9.2019

Mit Werken von Peter Gysi, Stefan Banz, herman de vries und René Zäch

Als Erfassung einer Sammlung von Objekten oder als Wissensschatz derselben Kategorie, umfasst der Begriff «Inventar» je nach Kontext mehrere Nuancen, die vom Zählen eines Warenbestands (Handelsrecht) über die Auflistung von Dokumenten (Archivierung) bis hin zur Aufzählung des materiellen Erbes sowie des Naturerbes (Archäologie, Naturwissenschaften) reichen. Unabhängig vom Bereich, wird zur Durchführung einer Inventur eine solide Methodik angewendet. Auch die Kunst scheint ihren Beitrag an Inventuren beizusteuern, die de facto der Subjektivität und Ästhetik Raum lassen, ohne dabei ihre Legitimität zu verlieren. Diese Sammlungsausstellung untersucht den Begriff des Inventars durch die Arbeit von vier Künstlern, die in den 1990er Jahren Werke geschaffen haben, die durchaus als «künstlerische Inventare» bezeichnet werden können.

Vierzig Spielzeugfeldstecher und vierzig schwarz-weiss Fotografien, die Frontalaufnahmen einsamer Bergspitzen zeigen, bilden die Installation Item No.F138CN (1995) von Peter Gysi (*1955, CH). Die strikte Hängung und die Absenz an Informationen zum abgebildeten Motiv oder dessen Herkunft ergeben ein Inventar einer geheimnisvollen Bergwelt. Die Zweckentfremdung der Feldstecher gibt dem Werk ihrerseits eine humoristische Note. Als immer wiederkehrendes Motiv bei Peter Gysi erscheint der Kreis hier auf die Fotografien projiziert, wenn man sich vorstellt, durch die Feldstecher hindurch eine der Bergspitzen zu betrachten. Die Einladung des Künstlers, eine noch erhaltene Natur zu untersuchen, bezieht sich auf die Praktiken der Inventarisierung des Planeten, um diesen zu schützen.

In der Videoarbeit Bip Bip Bip (1997) filmt Stefan Banz (*1961, CH) seine Tochter Lena beim Imitieren und Repetieren von Tierlauten, nackt und umgeben von Grün: Eine Katze, einen Hund und bestimmt das Bip Bip des kleinen Vogels Road Runner aus Looney Tunes – der die Fallen seines Feindes Coyote vereitelt und dabei Hupgeräusche von sich gibt – sind zu hören. Die Bandbreite verschiedener Geräusche formt sich zu einem naiven faunistischen Inventar, dessen spielerische wie nervige Ambivalenz gewollt ist und vom Künstler durch den Kontrast zwischen unschuldigem Charme und sonorer Irritation noch verstärkt wird. Bip Bip Bip offenbart auch das Interesse von Stefan Banz an der Intimsphäre und alltäglichen Situationen, deren Thematiken er in seinen fotografischen und filmischen Arbeiten der 1990er Jahre aufnimmt und darin die Rolle des Betrachters als «Voyeur» hinterfragt.

Quercus (1992) von herman de vries (*1931, NL) präsentiert Eichenblätter, ausgerichtet in regelmässigen Abständen in 28 identischen Rahmen, und zeigen den zugleich ähnlichen wie unterschiedlichen Charakter jedes einzelnen Exemplars auf. Die Arbeit des ehemaligen Botanikers bezieht sich auf die wissenschaftliche Bestandsaufnahme des lebenden Naturerbes sowohl durch das Protokoll für die Ernte von Pflanzen – eine Methode, die die «programmierbaren Gesetze des Zufalls» beinhaltet – als auch durch ihre Darstellung in Form eines echten Herbariums. Alle Arbeiten von Herman de Vries zeugen von seiner Verbundenheit mit der Natur und zielen darauf ab, unser Verständnis für die typologische und strukturelle Vielfalt der natürlichen Welt zu stärken.

Die Serie Ohne Titel (Maschinen-Abbildungen) (1991) von René Zäch (*1946, CH) versammelt 72 Reproduktionen von Industriemaschinen, deren Aufgabe es ist, kostengünstige Teile in grossen Mengen herzustellen. Die frontale Sichtweise und die Zentrierung des Motivs erinnern an die Fotografien der Neuen Sachlichkeit, insbesondere an die des deutschen Ehepaares Bernd und Hilla Becher, deren Ziel es war, Industriebauten systematisch anhand von Typologien zu erfassen. René Zäch erstellte nach diesem Vorbild eine rigorose und systematische historische Bestandsaufnahme, indem er ein riesiges Ensemble fotografierte, das jedoch die tatsächliche Grösse der Originalmaschinen vorenthält. Unter Hunderten von Bildern wählt der Künstler die Schönsten aus, veredelt sie mit einem Passepartout und einem Rahmen und ordnet sie dann an, wobei die ästhetische Dimension endgültig über die Erfassung des Objekts siegt.

Kuratorin der Ausstellung:  Natacha Isoz