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ZEITSPUREN

The Power of Now

9.9.-18.11.2018

URSULA BIEMANN – DORA BUDOR – ROMAN BUXBAUM – JULIAN CHARRIÈRE – DANIEL GUSTAV CRAMER – MARTIN CREED – PETER DREHER – ELMGREEN & DRAGSET – CÉCILE B. EVANS – FELIX GONZALEZ-TORRES – RODNEY GRAHAM – DAVID HORVITZ – TEHCHING HSIEH – SOPHIE JUNG – ON KAWARA – KAPWANI KIWANGA – RAGNAR KJARTANSSON – KRIS MARTIN – AGNIESZKA POLSKA – POPE.L – BARBARA PROBST – LAURE PROUVOST – PILAR QUINTEROS – RAQS MEDIA COLLECTIVE – SOPHY RICKETT – MIKKO RIKALA – DIETER ROTH – STÉPHANIE SAADÉ – MICHAEL SAILSTORFER – TARYN SIMON – SLAVS AND TATARS – SMUDGE STUDIO – GERNOT WIELAND – PEDRO WIRZ

ZEITSPUREN – The Power of Now beleuchtet mit Installation, Video, Fotografie, Performance und Malerei die ästhetische und kulturelle Bedeutung von Zeit. Im Kontext gegenwärtiger Narrative legt die Ausstellung unbewusste Zeitstrukturen unserer Leben und Erfahrungen frei. Die 34 versammelten internationalen Kunstschaffenden setzen sich in ihren Werken mit dem zeitlichen Aspekt von Arbeit und Freizeit, Politik und Macht, Körper und Repräsentation oder Technologie und Erinnerung auseinander. Der Komplexität des Zeitbegriffs entsprungen, ist die Ausstellung in vier thematische Bereiche unterteilt: Zeit und Unbehagen; Formbare Zeit; Zeiterfassung: Inszenierung des Lebendigen; Spekulative und planetarische Zeit.

Zeit und Unbehagen gibt Einsicht in die Überlagerungen von Arbeit und sozialer Zeit. Kritische und verspielte Erzählungen rund um eine aktuelle Beklemmung in Bezug auf die Standardisierung von Leben, Arbeit und Freizeit entdecken wir in den Werken dieser Sektion. One Year Performance (1980–81) von Tehching Hsieh ist ein frühes Beispiel der Entwicklung langzeitorientierter Performancekunst. Seine Arbeit bestand darin, während zwölf Monaten zu jeder Stunde eine Stechuhr zu bedienen. Die einzelnen Bilder, die ein Jahr seines Lebens aufzeichneten, werden als sechsminütiger Film zusammen mit weiteren Dokumentationen präsentiert. Die in Hsiehs Performance hervorgehobene Eintönigkeit der industriellen Arbeit unterstreicht die Dominanz der westlichen Zeiteinteilung, mit der sich auch Ragnar Kjartansson in Scenes from Western Culture (2015) auseinandersetzt. Sechs Videoloops zeigen Szenen aus dem alltäglichen Leben und verweisen auf seine Faszination für die Oberflächlichkeit gesellschaftlicher Normen. Derweil entrinnt David Horvitz mit The Distance of a Day (2013) dem gewohnten Zeitverlauf, indem er Videos unterschiedlicher Standorte und Zeitzonen eines einzelnen Tages einander gegenüberstellt.

Formbare Zeit sondiert materielle Prozesse der Geschichtsschreibung mit Fokus auf die Rolle der Erforschung künstlerischer Arbeitsweisen. Um zu neuen Bedeutungen und Assoziationen zu gelangen, greifen Kunstschaffende hierfür historische Artefakte wieder auf. Flowers for Africa (2014, 2017) von Kapwani Kiwanga entspringt dem Interesse der Künstlerin für Archivbilder der postkolonialen Unabhängigkeitsfeierlichkeiten. Aufgrund ihrer Erkenntnis, dass Blumengestecke ein gemeinsames Motiv vieler dieser Fotografien sind, lässt sie diese für jede Ausstellung, in welcher das Werk gezeigt wird, von lokalen Floristen nachbilden. Die individuelle Interpretation der Blumengestecke verbindet sich mit der scheinbar festgeschriebenen kollektiven Bedeutung der Geschichte. Vergleichbare Zusammenhänge finden sich auch in anderen Werken dieses Bereichs. Stéphanie Saadé behandelt in Accelerated Time (2014) Zeit als physikalische Grösse. Die in viele Fragmente zerbrochene Vase lässt auf das Einwirken mysteriöser Kräfte schliessen.

Der Bereich Zeiterfassung: Inszenierung des Lebendigen rückt den Körper als einen Ort in den Vordergrund, der es ermöglicht, unsere Zeitwahrnehmung zu erweitern und konzentriert sich hierbei auf Konzepte performancebasierter Arbeiten. Die Aktionen von Pope.L setzen auf zeitliche Dauer und physische Beharrlichkeit. The Great White Way, 22 Miles, 9 Years, 1 Street (2001–2009) ist eines seiner bekanntesten «crawls». In einem Superman-Outfit und mit einem auf den Rücken geschnallten Skateboard kroch er über die gesamte Länge des Broadways, Manhattens längste Strasse. Oft basierend auf Quellen aus Popkultur oder Philosophie, produziert Sophie Jung ausufernde Performances. Die Künstlerin reaktiviert verschiedene Teile ihrer Installation Come Fresh Hell or Fresh High Water (2017–18) durch Textrezitationen aus dem Gedächtnis und freie gedankliche Improvisationen. In Jungs Performance geht es um die Ambivalenz zwischen Sprache und Objekten und deren Transformierung. Eine verzerrte Interpretation der Unterrichtsmethode «show and tell».

Spekulative und planetarische Zeit untersucht schliesslich, wie digitale Konnektivität und Informationstechnologien unsere Zeitwahrnehmung radikal verändern. Die Arbeiten dieser Sektion reflektieren die Tiefenzeit – die Zeit jenseits des Menschlichen – und eröffnen uns so Vorstellungen über neue Welten. Im Video My Little Planet (2016) lässt Agniezska Polska animierte Objekte des täglichen Gebrauchs im Kosmos schweben, kombiniert mit einer humorvollen Off-Stimme als Kommentar auf die Konsumkultur, die unsere Welt dominiert. Julian Charrières grossformatige Fotografien der Serie First Light (2016–17) befassen sich mit nuklearen Testversuchen auf dem Bikini-Atoll und machen eine atomare Landschaft innerhalb einer idyllischen tropischen Inselszenerie sichtbar. Während Charrières Arbeit unsere Aufmerksamkeit auf die Existenz von Radioaktivität richtet, befasst sich Daniel Gustav Cramer in Old Tjikko (2017) mit dem ältesten klonalen Baum der Welt. In Schwedens Nationalpark Fulufjället stehend, werden seine Wurzeln auf ein Alter von beinahe 10’000 Jahren geschätzt. Cramer untersucht den Mythos der Fichte Old Tjikko, die unverrückbar mit der Landschaft verbunden ist und ein Symbol der Lebensdauer für unseren gefährdeten Planeten darstellt.

Kuratiert von SAMUEL LEUENBERGER und FELICITY LUNN

Die Ausstellung Zeitspuren ist eine Kooperation zwischen dem Kunsthaus Pasquart, dem Photoforum Pasquart > PERFECT TIME AHEAD und dem NMB Neuen Museum Biel > Von Zeit Zu Zeit.


Erna und Curt Burgauer Stiftung
Ernst und Olga Gubler-Hablützel Stiftung