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Livia Di Giovanna, Ufer, 2017, 16 Videos mit Audio auf 16 Monitoren, Loop (8–12’), Courtesy the artist

LIVIA DI GIOVANNA

Manor Kunstpreis Kanton Bern 2016

22.9.-19.11.2017

Die Videoinstallationen, Fotografien und Objekte von Livia Di Giovanna (*1984, CH) heben subtil die Grenzen zwischen Realität, Projektion und Reflexionen auf. Ihre Untersuchungen von Raum, Zeit, Architektur, Bewegung und Licht stützen sich auf Entscheidungen über Dimensionen, Volumen, Oberflächenbeschaffenheit, Lichterzeugung und -führung. In ihren früheren Werken fokussierte sie sich eher auf die physischen und technischen Merkmale ihrer Materialien, als sich mit narrativen Andeutungen oder Darstellungen der äusseren Welt zu befassen. Zwei neue Videoinstallationen hingegen, welche insbesondere für diese Ausstellung entstanden, zeugen vom Interesse an der Verbindung zwischen dem Realen und dem Imaginären, indem die Künstlerin Inhalte aus ihrem Lebensumfeld raffiniert dekonstruiert. Wenn die Künstlerin das Surreale und Fremde in scheinbar belanglosen Facetten der wirklichen Welt nachweist, wird offensichtlich, welcher Aspekt in diesen Werken zentral ist: die Untersuchung des Mediums Video an sich. Die Ausstellung von Livia Di Giovanna findet anlässlich der Verleihung des Manor Kunstpreises 2016 für den Kanton Bern statt und ist ihre bisher umfassendste Einzelausstellung.

Die beiden neuen Videoinstallationen Ufer (2017) und À l’intérieur (2017), welche die Künstlerin neben anderen Werken für die Ausstellung im Kunsthaus Pasquart realisiert hat, verweisen auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Charakteristiken ihres Mediums. Beide Arbeiten verbinden das Bewegtbild mit einer Visualisierung der fortschreitenden Zeit und der Beziehung zwischen Licht und Bewegung. Dennoch sind sie weniger abstrakt als vorangegangene Videos, da sie Aufnahmen einer realen Situation wiedergeben. Das Video Ufer besteht aus einer zwölf Meter langen Reihe von sechzehn nebeneinanderhängenden Monitoren. Zu sehen ist ein strömender Fluss und ein schmaler Streifen des gegenüberliegenden Ufers, Abschnitt für Abschnitt gefilmt und begleitet von sechzehn Geräuschen fliessenden Wassers. Die Fragmente wurden so genau wie möglich zusammengefügt, um den Eindruck einer einzigen Aufnahme zu vermitteln, dieser wird jedoch schnell durch die Erkenntnis gebrochen, dass die einzelnen Einstellungen zeitversetzt aufgezeichnet wurden und daher nicht synchron sind. Da das Dargestellte deutlich erkennbar ist, verbindet der Betrachter die einzelnen Abschnitte gedanklich, um das Bild als Einheit wahrnehmen zu können. Es ist eben diese Ambivalenz im Wahrnehmungsprozess sowie die gleichzeitige Bewegung des filmischen Bildes und diejenige des Betrachters beim Auf- und Abgehen vor der Arbeit, die Livia Di Giovanna interessieren.

Die Künstlerin inszeniert einen Dialog zwischen den Objekten und ihrer Umgebung. Ihre Installationen aus Filmprojektionen und dreidimensionalen geometrischen Objekten stehen in einem präzisen Winkel zueinander und verwischen geschickt die Grenzen zwischen Wirklichkeit und filmischer Repräsentation. Skulpturale Arbeiten dagegen, die Glas und Spiegel einschliessen, verbinden Reflexionen von sich selbst als auch ihrer Umgebung und lassen sie ineinander übergehen. Offroader (2014), ein auf dem Boden liegendes Holzrad, erinnert beispielsweise an ein ausgedientes Teil eines Gerätes aus einer Sternwarte oder an die Mittelschraube einer Filmrolle. Die Art und Weise, wie die Arbeit die Umgebung widerspiegelt, suggeriert, dass eine alternative zukünftige Verwendung möglich ist. Vergleichbar zeigt das neue Werk Prototyp (2017) einen transformierten Tisch und verweist auf die Eigenschaften von Film und Fotografie, indem sie an eine Camera obscura erinnert.

Di Giovannas Interesse gilt den Materialien innewohnenden Eigenschaften sowie ihrem Potenzial, Raum zu erzeugen. In dem aktuellen Video Lot (2017), das ein sich um seine eigene Achse drehendes Senklot zeigt, wird die durch Form und Gewicht des einfachen Objekts bestimmte Kreisbewegung als Skulptur erfahrbar. In einem gewissermassen umgekehrten Prozess entstand das Video Silberball (2017), indem die Kamera sich langsam um alle Seiten eines am Boden liegenden Balls drehte. Das wechselnde Tempo eines Gummiballes in Ohne Titel (2013) bringt hingegen keine Skulptur, sondern eher eine sich bewegende Linienführung hervor.

Licht spielt eine wesentliche Rolle, wenn Di Giovanna zu ergründen sucht, wie Materialien interagieren, auf Bewegung reagieren oder von der Kamera erfasst werden. Nicht nur Lichtquellen und Reflexionen auf unterschiedlichen Oberflächen sind ein konstantes Merkmal ihrer Videos, auch Licht als autonome Einheit wird immer wieder zum zentralen Thema. So zum Beispiel die sich ständig verändernde Form des mit Luft gefüllten Plastikbeutels im Video Ohne Titel (2012). Di Giovannas Experimente mit Hellraumprojektoren reduzieren das Repertoire der von ihr benötigten Komponenten, um Kunst zu machen, noch weiter. Ohne Titel (2011) besteht aus einem Hellraumprojektor, über welchen eine Glasflasche auf eine Wand projiziert wird. Auch wenn dieses Verfahren im Falle von Text oder Zeichnungen sinnvoll sein mag, wirken die Dimensionen, Proportionen und sogar die Farbe des Originals seltsam verfälscht, da hier ein dreidimensionales Objekt in ein zweidimensionales Bild verwandelt wird. Die Immaterialität der Projektion in dieser Arbeit wird in Ohne Titel (2009) auf geistreiche Weise in Material verwandelt: Ein auf eine Wand gemaltes weisses Rechteck simuliert hier eine leere Projektionsfläche. Die schmalen Farbbänder, die an den Rändern des weissen Rechtecks entlanglaufen, verstärken den Eindruck, dass es sich bei diesem Leerraum um unvollkommen projiziertes Licht handelt.

In À l’intérieur, der zweiten neuen Installation, ist die Art und Weise wie Realität aufgezeichnet und vermittelt wird so wenig fassbar, dass wir unsere Wahrnehmung grundlegend in Frage stellen. In absoluter Dunkelheit und nur mit dem Licht einer Taschenlampe, durch das einzelne Objekte oder Details des Raumes für einen kurzen Augenblick sichtbar werden, hat die Künstlerin den Innenraum ihres Ateliers gefilmt. Im gleichermassen abgedunkelten Ausstellungsraum werden die beiden Projektionen nebeneinander in einer Gesamtgrösse von 11 x 3.1 Meter projiziert. Trotz des originalgetreuen Verhältnisses zwischen dem projizierten Raum, dem realen Raum und dem Betrachter erscheinen ganz gewöhnliche Objekte eigenwillig und ungewohnt. Da der Raum niemals vollständig sichtbar wird, verbindet er sich nur in der Vorstellung des Betrachters zu einer gedanklichen Einheit.

Kuratorin der Ausstellung

Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus Pasquart

Publikation

Zur Ausstellung erscheint eine reichbebilderte Publikation mit Texten von Felicity Lunn und Ulrich Loock im Verlag für moderne Kunst (DT / FR / ENG).


Öffentliche Führungen

Do 19.10.2017, 18:00 (fr)             Marine Englert, historienne de l’art

Do 9.11.2017, 18:00   (dt)            Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus Pasquart

Künstlergespräch

Do 2.11.2017, 18:00 (dt)               Livia Di Giovanna im Gespräch mit Felicity Lunn


Pressekonferenz: Freitag, 15.9.2017, 10:30

Vernissage & Preisübergabe: Donnerstag, 21.9.2017, 19:00

Kindervernissage: Donnerstag, 21.9.2017, 18:00-19:30


Einladungskarte herunterladen: Livia Di Giovanna_A5_low