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LINUS BILL + ADRIEN HORNI

Heredity Paintings

15.4.-10.6.2018

Vernissage: Sa 14.4.2018, 17:00

Die Arbeiten des Bieler Kollektivs Linus Bill + Adrien Horni (beide *1982, CH) sind das Ergebnis eines dynamischen Prozesses, der besonders in der neuesten Werkgruppe Heredity Paintings ersichtlich wird. Angeregt von in der Vergangenheit verworfenen Werken, entnehmen die Künstler diesen Bildern Ausschnitte und übertragen sie auf den Computer. Mit Bildbearbeitungsprogrammen verändern Bill und Horni unabhängig voneinander die fotografierten Bildfragmente und schicken einander die Dateien für die nächsten Arbeitsschritte zu. Sie vertauschen Komplementärfarben, verzerren Formen und experimentieren mit Malwerkzeugen. Sowohl die unbeabsichtigten Effekte durch die digitale Bearbeitung als auch der individuelle Verzicht auf Kontrolle über den künstlerischen Vorgang verweisen auf das Interesse der Künstler am Unvorhergesehenen. Für die Ausstellung haben Bill und Horni aus mehr als 1500 Vorlagen rund zwanzig Varianten ausgewählt, die sie in Malerei und Siebdruck auf Leinwand umgesetzt haben. Zwischen Repetition, Modifikation und Überschichtung erproben die Künstler das Konzept der «Vererbung» (Heredity) und befragen dadurch die Verwandtschaft zwischen den Formen, welche in verschiedenen Bildern auf ungleiche Weise auftreten. Über mehrere Werke hinweg entwickeln diese Formengebilde ein Eigenleben und entziehen sich so einer eindeutigen Leseart.

Die vielgestaltigen Motive in den Gemälden von Linus Bill + Adrien Horni halten sich in einer prekären Balance. Sie wandeln sich scheinbar direkt vor unseren Augen und entwischen unserem Blick. Von den comicartigen Gestalten und uneindeutigen Texturen geht etwas Lebendiges und Unstetes aus. Die farbenreichen Bildfragmente suggerieren, dass sie gar nicht beabsichtigen, im Bild zu verweilen und dieses nur vorübergehend besiedeln. Obschon es abstrakte Kompositionen sind, wirken die Bildmotive wie eigenwillige Wesen und die vermeintliche Flüchtigkeit der Gemälde wird durch ihren skizzenhaften Ansatz noch verstärkt.

Die Bewegung im Bild findet ihre Entsprechung in der Dynamik des Arbeitsprozesses, der uns zur Frage nach der Herkunft der Arbeiten bringt. Die Werkgruppe Heredity Paintings ist als jüngste Generation einer Familie zu sehen, die von den gleichen drei Gemälden abstammt. Bill und Horni sprechen hier von «Mutterbildern». Es handelt sich um handwerklich traditionell umgesetzte Gemälde, die den Test der Zeit nicht bestanden haben und seither als Ausschussbilder im Depot ein einsames Dasein fristen. Indem die Künstler Bildteile dieser verworfenen Gemälde letztlich fotografieren und auf ihre Computer übertragen, um sie digital zu bearbeiten, entfaltetet sich eine Produktivität, die hunderte von Bildversionen zur Konsequenz hat.

Das Konzept der Verwandtschaft zeigt sich auch in den Verbindungen der Werke untereinander. Das Arbeitsprinzip, welches auf festgelegten Abläufen und der Teilung von Verantwortung beruht, schafft dafür die Voraussetzung. Mit Photoshop bearbeiten die Künstler die Motive und verfremden sie zuweilen soweit, dass ihr ursprünglicher Zustand nicht mehr erkennbar ist. Wie bei einem Tennismatch spielen sich Bill und Horni die digitalen Dateien zu und formen so gemeinsam die mannigfaltigen Gebilde. Das strenge Auswahlverfahren hat zur Folge, dass letztlich nur ein Bruchteil der Bildversionen tatsächlich im Format von 190 x 140 cm umgesetzt wird. Da alle Bildmotive auf die gleichen Mutterbilder zurückgehen, werden uns besonders bei der gemeinsamen Betrachtung der Gemälde in der monumentalen Salle Poma deren unterschiedliche Ausprägungen bewusst. Die Werkgruppe bekommt zeitliche Tiefe und die Narration zwischen den Bildern verweist auf das zentrale Thema der Vererbung.

Während Adrien Horni ausgebildeter Grafiker ist und Linus Bill ein Studium als Fotograf absolviert hat, haben sich beide seit ihrer ersten Kooperation – die Umsetzung der Publikation La deuxième chance (2011)für die Malerei als Medium ihrer Wahl entschieden. Ihre frühen Werke fallen durch ihre ästhetische Einfachheit auf und lassen sich noch in die Nähe zu Arbeiten von Ellsworth Kelly oder Ray Parker rücken. Die Künstler arbeiteten damals an einer Annäherung an Vorstellungen von Kunst, welche im kollektiven Gedächtnis zirkulieren. Ihre neuesten Arbeiten sind jedoch komplexer und in sich heterogener ausgefallen. Eine bewusste Entscheidung, um sich von möglichen kunsthistorischen Referenzen verstärkt abzugrenzen und ein eigenes, zukunftsgewandtes Vokabular zu artikulieren. Auch sind die Wechselwirkungen zwischen digitaler und malerischer Bildsprache aufgrund ihrer gegenseitigen Wirkung im Bild offenkundig und verweisen auf die technische Versiertheit des Kollektivs.

Humorvoll vergleichen Linus Bill + Adrien Horni ihre bereits eingespielte Zusammenarbeit mit einem Trainingslager, nach dessen Abschluss sie vielleicht einmal im Stande sein werden, ein «richtiges» Gemälde umzusetzen. Der Umstand, dass genau ihr unkonventioneller Ansatz der Malerei neue Impulse verleiht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Eindrücklich belegen die Künstler mit ihrer umfangreichsten Einzelausstellung bisher, wie sich die lange Geschichte der Malerei weitererzählen und sich ihr Stammbaum um einen frischen grünen Zweig erweitern lässt.

Zeitgleich zur Ausstellung im Kunsthaus Pasquart zeigen Linus Bill + Adrien Horni im La Salle de bains in Lyon eine Präsentation, in der Kopien der Heredity Paintings von Biel zu sehen sind. Eine Bustour am 2. Juni 2018 bringt die BesucherInnen des La Salle de bains nach Biel.

www.lasalledebains.net.

Kuratorin der Ausstellung

Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus Pasquart


Öffentliche Führungen

Do 3.5.2018, 18:00    (dt)   Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus Pasquart

Do 17.5.2018, 18:00   (fr)    Kathleen Vitor, historienne de l’art

Künstlergespräch

Do 31.5.2018, 14:00   (dt/fr)   Linus Bill und Adrien Horni im Gespräch mit Felicity Lunn


Linus Bill+ Adrien Horni_LOW

Linus Bill + Adrien Horni, Heredity Paintings, 2017/2018, Siebdruck und Acryl auf Leinwand / sérigraphie et acrylique sur toile; Ausstellungsansicht / Vue d’exposition / Exhibition view Pasquart 2018; Foto / Photo: Gunnar Meier; Courtesy the artists and Galerie Allen, Paris and Ellen de Bruijne Projects, Amsterdam