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KATIE PATERSON

11.09.2016 – 20.11.2016

Katie Paterson (*1981, GB) wird weithin als eine der talentiertesten Kunstschaffenden ihrer Generation angesehen. Unter den Aspekten von Raum und Zeit untersucht sie die Beziehung zwischen Mensch und Universum. Paterson konzentriert sich auf Gebiete wie Ökologie, Geologie und Kosmologie und wählt eine konzeptuelle Herangehensweise für die poetische Befragung existenzieller Ideen. Ihr Vorgehen untermauert sie durch Kollaborationen mit führenden Wissenschaftlern sowie Schriftstellerinnen, Astronomen, Nanotechnikerinnen und Musikern, aus denen ihre vielgestaltigen Werke hervorgehen. So hat sie einen Meteoriten geschmolzen, wieder in seine ursprüngliche Form gegossen und zurück ins All befördert. Sie sammelte aus allen Teilen der Welt Fossilien, liess sie zu kugelförmigen Perlen runden und zu einer Kette zusammenführen. Eine langsam niederbrennende, parfümierte Kerze gibt den Geruch der Planeten und des Weltalls wieder. Eine Aufnahme von Beethovens Mondscheinsonate wurde in einen Morse-Code übersetzt, via Radioübertragung auf die Mondoberfläche gesendet, zurück auf die Erde geworfen und wieder in eine Partitur umgeschrieben, um letztlich auf einem Flügel wiedergegeben zu werden.

Mit ihrer Präsentation im Kunsthaus Pasquart realisiert Katie Paterson ihre bisher umfangreichste Einzelausstellung, welche zentrale Werke ihrer zehnjährigen Karriere sowie einige Arbeiten beinhaltet, die 2016 entstanden sind.

Die Werke von Katie Paterson sind in der Ausstellung lose in zwei Gruppen unterteilt. Die Arbeiten im Parkett 2 beziehen sich auf die Sonne, diejenigen in der Salle Poma auf den Mond. Wie eine Kette aus Welten offenbart sich den Besuchenden zu Beginn der Ausstellung das Werk Fossil Necklace, 2011. Jede Perle der Kette steht für ein bedeutendes Ereignis in der Evolution, inmitten der gewaltigen Ausdehnung dieser geologischen Zeiträume. Im Werk eingebunden sind Einzeller als Ursprung des Lebens, die Kontinentalverschiebung, der Niedergang der Kreidezeit, welcher durch einen gefallenen Meteoriten ausgelöst worden ist, und die ersten blühenden Blumen. Das Werk erfasst die Entwicklung unserer Spezies und unterstreicht die enge Verbindung aller Menschen durch die Evolution. Die Uhren des Werks Timepieces (Solar System), 2014 geben die Anzahl Stunden wieder, welche vorbeigehen müssen, bevor die Planeten unseres Sonnensystems jeweils einen Tag durchlaufen haben. Der kürzeste Tag herrscht auf dem Jupiter, der längste auf dem Merkur. Die Künstlerin nimmt die Besuchenden in unterschiedliche Zeitzonen und im weiteren Sinne in die Bereiche der täglichen Erfahrungen des Daseins auf anderen Planeten mit. Patersons Bewusstsein für die Umwelt zeigt sich implizit in zwei Arbeiten, die in Island entstanden sind. Für Vatnajökull (the sound of), 2011 hat sie ein Mikrofon in die grösste Eiskappe des Landes, welche aufgrund des Klimawandels schmilzt, abgesenkt. Eine Telefonnummer fordert die Besuchenden dazu auf, anzurufen, um in Echtzeit dem Klang des schmelzenden Eises zu lauschen. Für die Videoarbeit Langjökull, Snaefellsjökull, Solheimajökull, 2007 wurden die Geräusche von drei Gletschern aufgezeichnet. Das geschmolzene Wasser ihres Eises wurde in die Form von Schallplatten gefroren, auf die zugleich die erwähnten Klänge gepresst wurden. In den drei Videoaufnahmen überlagern sich Töne des Gurgelns, Tropfens und Strömens und das Raspeln der Nadel auf den Eis-LPs. Ökologische Dringlichkeit inspirierte auch Future Library, 2014. In Norwegen liess die Künstlerin einen Wald anlegen, der einen spezifischen Sammelband mit Papier versorgen soll. Jährlich entsteht ein Text, bis im Jahr 2114 die vervollständigte Reihe publiziert wird.

Die Wahrnehmung des Zeitverlaufs ist ferner Thema des Werks As the World Turns, 2010. Vivaldis Vier Jahreszeiten wird auf Schallplatte in der Geschwindigkeit der Erdumdrehung abgespielt. Aufgrund der Langsamkeit ist die Bewegung der Platte nicht zu sehen und ganze vier Jahre sind erforderlich, um die gesamte Aufnahme zu hören. Die fotografische Arbeit Inside this Desert Lies the Tiniest Grain of Sand, 2010 wird im gleichen Ausstellungsraum gezeigt und beschwört die Tragweite von Raum und Zeit. Paterson entnahm der Sahara ein Sandkorn und schliff es in Kooperation mit Nanotechnikern auf 0.00005 mm runter, was das kleinst mögliche Mass ist. Die Fotografie zeigt die Künstlerin, die im Begriff ist, das verkleinerte Sandkorn der Wüste wiederzugeben. Die demütige Geste des Zurückgebens, was der Natur gehört, ist eines der Themen der Gruppe von Meteoriten Campo del Cielo, Field of the Sky, 2012. Dafür wurden Abgüsse von Meteoriten hergestellt, anschliessend wurde ihr Metall geschmolzen und in die Negativformen zurückgegossen, um eine neue Version ihrer selbst entstehen zu lassen. In der Verbindung von Zeit, Raum, Druck und Erosion entstehen so neue und gleichzeitig alte Objekte. Der kleinste dieser Meteoriten wurde durch die Europäische Weltraumorganisation zurück ins Weltall befördert.

In der Vitrine des Korridors im Parkett 2 ist The Dying Star Letters, 2011 zu sehen. Während einem Jahr verfasste Paterson jedes Mal, wenn sie von einem sterbenden Stern erfahren hat, zu diesem Ereignis einen Brief und schickte ihn an den Kosmologen Professor Richard Ellis. Die Serie von entstandenen Nachrufbriefen spürt der immerwährenden Bewegung des Universums nach, indem diese Ereignisse, welche den Menschen normalerweise unbekannt sind, personalisiert werden. Die schiere Grösse und das Mysterium des Universums artikulieren sich anhand der Werke in der Salle Poma auf unterschiedliche Weisen. Dabei werden sowohl unsere Sinne wie auch unsere Vorstellung angeregt. Gammastrahlenausbrüche (GRBs), welche heller als 100 Milliarden Sonnen strahlen können, sind super-explosive Ereignisse in entfernten Galaxien und werden im Werk 100 Billion Suns, 2011 interpretiert. Zu jeder der 3216 GRBs existieren farblich abgestimmte Konfettis, die während der Ausstellungsdauer regelmässig durch eine Konfettikanone freigesetzt werden. Die grossformatige Fotografie Colour Field, 1, 2016 ist speziell für die Ausstellung in Biel entstanden. Da die Farben von Fotografien des Alls nicht real sind, hat Paterson, in Kooperation mit einem Astrofotografen, die wirklichkeitsgetreuen Farben eines Stadtbildes von Los Angeles auf ein Schwarz-Weiss-Bild der Milchstrasse übertragen. Die Farben der Stadtlichter verschmelzen hier mit der Sternenlandschaft der Milchstrasse. Im Zentrum des Projekts Candle (from Earth into a Black Hole), 2015 liegt eine alternative Art der Simulation. Die Künstlerin verwendete die Informationen von Astronauten zu den Gerüchen der Planeten und des Weltalls, um ihre eigene Beschreibung davon zu entwickeln und sie mit einem Biochemiker in eine parfümierte Kerze zu transformieren. Die Kerze nimmt die Besuchenden auf eine olfaktorische Reise mit, ausgehend von der Erde, durch Wolken und Luftschichten, bis zum Mond und den Planeten. Die Abstufungen von Dunkelheit im Universum, welche sich über Milliarden von Jahren hinweg an unterschiedlichen Zeiten und Orten im Weltall zeigten, werden im Werk History of Darkness, 2010 durch 2200 Diapositive wiedergegeben. All the Dead Stars, 2009 dokumentiert die ursprünglichen Standorte von den fast 27’000 erloschenen Sternen, welche die Menschheit erfasst und beobachtet hat und Ara, 2016 stellt eine Lichterkette dar, in der jede verdrahtete Glühbirne eine Lichtqualität produziert, die der Helligkeit eines jeden Sterns der Sternenkonstellation Altar entspricht.

Ein Vollmond wird durch Light Bulb to Simulate Moonlight, 2008, 2014 imitiert und geht einher mit einem Schrank, in welchem 289 Glühbirnen gezeigt werden. Jede davon vermag Mondlicht zu simulieren und kann die durchschnittliche Lebensdauer eines Menschen (66 Jahre) überdauern. Das monumentale Ausmass von Earth-Moon-Earth, 2010 wird in der Gegenüberstellung zum statischen lunaren Fragment von Second Moon, 2015 ersichtlich. Beethovens Mondscheinsonate wurde in Form eines Morsecodes auf die Mondoberfläche gesendet und von dort zurück auf die Erde geworfen. In den Schatten der Mondkrater gingen dabei Informationen verloren. Nach der Rückkehr auf die Erde wird die lückenhafte Partitur, die daraus entstanden ist, auf einem automatischen Flügel abgespielt. Eine vergleichbare Verdichtung eines monumentalen Konzepts als vertrautes Objekt entsteht im Werk Totality, 2016. Die Spiegelkugel umfasst mit mehr als 10’000 Bildern nahezu alle Sonnenfinsternisse, welche von der Menschheit erfasst worden sind. Die Kugel wird durch zwei Scheinwerfer bestrahlt, wodurch auf den Wänden des Raumes alle Stadien der Sonne, die durch den Mond verfinstert wird, wiedergegeben werden.

Kuratorin der Ausstellung: Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus Pasquart, Biel

 

Katie Paterson, Ausstellungsansichten / vues d’exposition / exhibition views Kunsthaus  Pasquart, Biel 2016
Fotos / Photos: Julie Lovens.