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Kapwani Kiwanga

2.2.-5.4.2020

Vernissage: Sa 1.2.2020, 17:00

Die Arbeitsweise von Kapwani Kiwanga (*1978, CA / FR) ist forschungsorientiert, initiiert durch marginalisierte oder vergessene Geschichten und historische Ereignisse, die sich formal in ihren Skulpturen, Installationen, Fotografien und Videos artikulieren. Der Recherchearbeit setzt die Künstlerin eine aussagestarke Materialität ihrer Werke entgegen, mit welcher sie auf soziopolitische Phänomene, Synkretismus oder die globalen Auswirkungen von Machtstrukturen verweist. Sie hinterfragt, wie Geschichtsschreibung, autoritäre Systeme und Wissensgenerierung funktionieren und unterwandert das offizielle Verständnis von Wahrheit, indem sie die Geschichte mit Volksglaube und Spiritualität ergänzt. Das alternative Lesen von Vergangenheit und Gegenwart schliesst eine Vielfalt von Perspektiven mit ein, denen die chronischen sozialen und politischen Momente innewohnen. Kiwanga vermischt bewusst Wahrheit und Fiktion, um hegemoniale Erzählungen ins Wanken zu bringen und Räume zu schaffen, in denen Grenzdiskurse gedeihen können.

In einem anderen Erzählstrang geht es Kiwanga um die Machtdynamik von Architekturen und öffentlichen Bauten, darunter disziplinarische Gebäude, die mit ihren Designelementen eine dezidiert physische und psychologische Qualität der jeweiligen Bauumgebung schaffen. Dort ist der Körper einem Prozess des Sehens und Gesehenwerdens unterworfen und muss vordefinierten Bewegungslinien und Raumstrukturen folgen.

Im Alltag begegnen wir Räumen, die unser Verhalten beeinflussen und regulieren. Kapwani Kiwanga reagiert mit ihren Werken auf die Machtdynamik von Architekturen und untersucht die Wirkung öffentlicher Gebäude auf den menschlichen Körper. Dabei fokussiert sie sich auf Designelemente wie die Farbgebung von Räumen in Schulen, Gefängnissen, Krankenhäusern oder Psychiatrien. In der Ausstellung tauchen wir als erstes in die räumliche Atmosphäre von pink-blue (2017) ein, in der leuchtendes Baker-Miller Pink mit blauen Leuchtstofflampen kontrastiert und auf die Ambivalenz zwischen der Intension von Schutz und Sicherheit mit Disziplinierungsmassnahmen, Kontrolle des Bewegungsraums und Einschränkung der Freiheit hindeutet. Kiwanga lädt uns ein, über die sozialen Auswirkungen der Verwendung von Farbe nachzudenken: Helfen blau beleuchtete Unterführungen und öffentliche Toiletten tatsächlich den Drogenkonsum einzudämmen? Werden Häftlinge effektiv durch pink gestrichene Arrestzellen beruhigt? Die Farbgebung von institutionellen Innenräumen wird auch in der skulpturalen Assemblage Patchwork (2018) reflektiert, deren Paneele an die zweifarbigen Flächen von Wandabschnitten angelehnt sind.  Jalousie (2018) reproduziert die Struktur eines mit Lamellen durchzogenen Paravents. Kiwanga kombiniert das Material von Zweiwegspiegeln, welche Verwendung in Verhörräumen und gewissen Firmenräumen finden, mit dem der vertrauten Form von Lamellen. Damit stellt sie das Konzept der systematischen Überwachung durch Autoritäten mit einem Element des häuslichen Umfelds nebeneinander, welches Schutz, Privatsphäre und Intimität impliziert. Der gestreifte Schatten mag an einen trägen Nachmittag in den Ferien erinnern und verweist auch auf die koloniale Architektur, die vom nordamerikanischen New England bis in die tropischen Klimazonen zu finden sind. Damit spielt Kiwanga insbesondere auf die Überwachung von Schwarzen an, die lange Zeit eine soziale und politische Norm war und bis heute nachwirkt. Diesem Prinzip folgt Kiwanga auch in den beiden Skulpturen Glow #6 (2019) und Glow #7 (2019), die ihren Ausgangspunkt von dem «lantern law» (Laternengesetz) der Kolonialzeit nehmen. Ein im 18. Jahrhundert in Boston und ganz New England erlassenes Gesetz forderte alle Sklaven auf, nach Sonnenuntergang eine brennende Kerze zu tragen, wenn sie nicht in Begleitung einer weissen Person waren. Es ist die Architektur der Kontrolle, welche ein Teil der Ausstellung mitprägt und die eine dezidiert physische und psychologische Qualität der jeweiligen Bauumgebung schafft. Hier ist der Körper einem Prozess des Sehens und Gesehenwerdens unterworfen und muss vordefinierten Bewegungslinien und Raumstrukturen folgen.

Ausgangspunkt für Kapwani Kiwangas künstlerisches Schaffen bilden zumeist Analyse und Erforschung von Archivalien, welche historische Erzählungen oder politische Ereignisse überliefern. Besonders konzentriert sich ihre Praxis auf Konzepte antikolonialer Kämpfe und ihr Erbe, sowie auf Populär- und Volkskulturen. Dieser Recherche entspringen Werke mit einer starken Materialität, mit der sie auf die Landwirtschaft oder die globalen Auswirkungen des Kolonialismus anspielt. Red Sky at Night (2018) verweist einerseits auf die aus dem Matthäusevangelium stammende Redewendung «Red sky at night, shepherd’s delight, red sky in the morning, shepherd’s warning» (Roter Nachthimmel, des Hirten Freude, roter Morgenhimmel, des Hirten Warnung). Andererseits verwendet die Künstlerin ein Material, das in der grossindustriellen Landwirtschaft zur Bodenbedeckung und der Optimierung der klimatischen Bedingungen gebraucht wird, um die Rentabilität der Ressourcen zu erhöhen. Mit diesem Schattengewebe impliziert Kiwanga eine Beziehung zwischen Landwirtschaft, Machtstruktur durch Kolonialisation und Wirtschaftlichkeit, wobei Profit mit Enteignung und Umsiedlung einhergeht. An anderer Stelle hinterfragt sie, wie Geschichtsschreibung, autoritäre Systeme und Wissensgenerierung funktionieren und unterwandert das offizielle Verständnis von Wahrheit, indem sie die Geschichte mit Volksglaube und Spiritualität ergänzt. Mit Nations (2018, 2019) untersucht sie das Verhältnis zwischen spirituellem Glauben und politischem Aufstand. Kiwanga schafft Arbeiten aus Stoff und Metall, die sich an der Formensprache von Fahnen oder Transparenten orientieren. Die Fahne hat eine doppelte Bedeutung, als Symbol der Nationalstaaten und als Loa Fahne, ein Heiligtum in der Voodoo-Kultur. Damit verweist sie auf die haitianische Revolution und auf die Rolle, welche Voodoo dabei gespielt hat. Das alternative Lesen von Vergangenheit und Gegenwart schliesst eine Vielfalt von Perspektiven mit ein, denen die chronischen sozialen und politischen Momente innewohnen. Kiwanga vermischt bewusst Wahrheit und Fiktion, um hegemoniale Erzählungen ins Wanken zu bringen und Räume zu schaffen, in denen Grenzdiskurse gedeihen können.

Im Jahr 2018 erhielt Kapwani Kiwanga den Sobey Art Award (CA) und den Frieze Artist Award (USA). 2019 wurde sie für den Prix Marcel Duchamp 2020 nominiert. Einzelausstellungen hatte sie im MIT List Visual Arts Center, Cambridge (USA); Albertinum Museum, Dresden (DE); Artpace, San Antonio (USA); Esker Foundation, Calgary (CA); Tramway, Glasgow (UK); Fondazione Sandretto Rebaudengo, Turin (IT); Power Plant, Toronto (CA), Logan Center for the Arts, Chicago (USA); South London Gallery, (UK); Jeu de Paume, Paris (FR). Gruppenausstellungen umfassen MACBA, Barcelona (ES); Whitechapel Gallery, London (UK); The Austin Contemporary, Austin (US); Serpentine Galleries, London (UK); Yuz Museum, Shanghai (CHN); National Gallery of Canada, Ottawa (CA); Contemporary Arts Museum, Houston (USA); CCA, Derry (UK); Centre Pompidou, Paris (FR); The Contemporary Art Gallery, Vancouver (CA); Hammer Museum, Los Angeles (USA).

Kapwani Kiwanga wird repräsentiert von Galerie Jérôme Poggi, Paris; Galerie Tanja Wagner, Berlin; Goodman Gallery, Johannesburg/Kapstadt.

Kuratorin der Ausstellung

Stefanie Gschwend, wissenschaftliche Mitarbeiterin Kunsthaus Centre d’art Pasquart

Publikation

Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Publikation mit Texten von Doreen Mende und Stefanie Gschwend im Verlag für moderne Kunst (eng / fr / dt).

Kapwani Kiwanga, pink-blue, 2017, Ausstellungsansicht The Power Plant Contemporary Art Gallery, Toronto (CA), 2017; Courtesy the artist, Galerie Poggi, Paris, Galerie Tanja Wagner, Berlin, Goodman gallery, Johannesburg / Cape Town;
photo: Toni Hafkenscheid; © Adagp, Paris, 2020