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Susan Morris, SunDial:NightWatch_Activity and Light 2010–2012 (Tilburg Version), 2014, Jacquard: Baumwolle, Leinengarn, 155 x 589 x 4 cm, Stiftung Kunsthaus-Sammlung Pasquart; Foto: Stefan Rohner

KALÉIDOSCOPE

PERSPEKTIVEN AUF 30 JAHRE SAMMLUNG

4.7.–6.9.2020

Eröffnung der Ausstellung (ohne Vernissage): Sa 4.7.2020, 11:00, ganzer Tag Gratiseintritt

Im Zeichen unseres 30. Jubiläums schauen wir zurück auf 30 Jahre Sammlungstätigkeit. Zu Beginn auf regionale Kunst ausgerichtet, liegt der Fokus seit einigen Jahren auf Werken internationaler Kunstschaffender, deren Arbeiten Teil einer Ausstellung im Kunsthaus waren. Heute zählt die Kunsthaus-Sammlung Pasquart über 1800 Werke.

Kaleidoskop bedeutet «schöne Formen sehen», sein Formenspiel weist aber über seine Wortbedeutung hinaus: Das Kaleidoskop regt an, sich über Perspektiven Gedanken zu machen. Es setzt Fragmente zu neuen Gestalten zusammen und erzeugt eine Vielzahl verschiedener Sichtweisen, die sich verbinden oder voneinander abprallen. Die Ausstellung zeigt Neuzugänge, selten gezeigte und vertraute Arbeiten, zusammenhängende Werkgruppen oder Einzelstücke. Die Vielfalt spiegelt die wechselnden Vorstellungen jener Akteur*innen, welche die Sammlung mitgeformt haben, aber auch Schenkungen, die neue Schwerpunkte legten. In diesem Zusammentreffen von Werken kann es einerseits Beziehungen oder Verflechtungen geben; andererseits hat das Sammelgut oft wenig miteinander zu tun. Das Erproben von Konstellationen und gegenwärtige Blicke auf Gesammeltes lassen neue Kontexte entstehen.

Es ist uns ein Anliegen, unsere Perspektiven auf 30 Jahre Sammlung mit Positionen aktueller Bieler Künstler*innen zu erweitern. Béatrice Gysin, Katrin Hotz, Jeanne Jacob und Simon Ledergerber schaffen unterschiedliche Reaktionen auf ausgewählte Werke der Sammlung. Ihr künstlerischer Blick ermöglicht eine lebendige Auseinandersetzung mit dem Bestehenden.

Béatrice Gysin (*1947 in Zürich, lebt und arbeitet in Biel) stellt kleinere Zeichnungen und Objekte den 17 Heliogravuren aus Markus Raetz’ Portfolio Ombre (2007) gegenüber. Sorgfältig wählte die Künstlerin bestehende Arbeiten aus ihrem eigenen Archiv aus, in denen sie Parallelen, Ähnlichkeiten oder Wahlverwandtschaften zu Raetz‘ grafischer Arbeit fand. Installativ auf Tischen präsentiert, bildet die Kombination einen Kontrast, doch die Frage nach dem Sehen begleitet beide Kunstschaffenden, welche die tägliche, zur Routine gewordene Wahrnehmung mit ihren Werken hinterfragen. Entstanden ist ein stiller und poetischer Raum, der einlädt, den Blick über zeichnerische Texturen und hügelige Landschaften von Alabaster schweifen zu lassen, den präzisen Linien zu folgen und Formen, die immer wieder auftauchen, zu entdecken. Die Gegenüberstellung fordert von den Betrachter*innen ein intensives Hinsehen, in dem sich erst Narrationen, Entsprechungen oder sinnliche Begegnungen eröffnen können. Als zweite Gegenüberstellung wählte Béatrice Gysin die skulpturale Zeichnung von Anna Barribals Untitled V (2008), worauf sie mit einer dreidimensionalen Zeichnung auf Holz und Glas reagiert.

Katrin Hotz (*1976 in Glarus, lebt und arbeitet in Biel) begegnet der Kunsthaus-Sammlung mit gross- und kleinformatigen Tuschzeichnungen aus den Jahren 2011-13. Die Werke aus ihrer Serie Occhi (2013) bilden sich aus Netzstrukturen und Rhomben, freien weissen Stellen oder schwarzen Kreisen, die sie in rhythmischem, schnellem Zeichnen entwickelt. Ihre Formen brechen aus der geometrischen Strenge aus und erinnern eher an Geflechte oder organische Strukturen. Diese bewegten Gebilde stellt die Künstlerin in Dialog mit Clare Goodwins Werken Graham (2013) und Howard (2016), deren präzise und klar abgegrenzten Farbflächen Goodwin mittels der Namensgebung ihrer Kompositionen Narrative einer sozialen Realität entgegensetzt. Daneben finden sich im selben Raum Abstraktionen von Heinz-Peter Kohler, die auf unerwartete Weise in Beziehung mit den anderen Werken treten. In Rebecca Horns Bleistift-Flügel (1988) findet Katrin Hotz eine formale Verwandtschaft zu Werken aus ihrer Reihe Pickles (2011-13). Es sind vage Gedankengebilde und sanfte Gefüge, die sich vom weissen Untergrund abheben und wirken, als würden sie jeden Moment dem Bildraum entweichen. An einem anderen Ort tritt Hotz’ brennender Turm Vergessen das Vergessen nicht (2007) in ein Gespräch mit Martin Ziegelmüllers 5. Zyklus Teilchenbeschleuniger (2013-14).

Die Malerin Jeanne Jacob (*1994 in Neuchâtel, lebt und arbeitet in Biel) schuf gleich mehrere neue Werke für die Ausstellung, mit denen sie unterschiedlich auf Künstler*innen der Sammlung, wie Rebecca Horn, Klodin Erb oder Francisco Sierra reagiert. Sie malt intuitiv und oft überlagern sich Flächen, Formen und Figuren, bis die Künstlerin durch den Malprozess zum Resultat findet. Im Foyer kombiniert sie Party, Party (2020) mit San Kellers Stammtisch (2007). Die zwei Figuren scheinen in einem Moment zwischen Lust und Langeweile festgehalten worden zu sein. Jacob malt Menschen und Körper, uninszeniert und in einer alltäglichen Selbstverständlichkeit eingefangen; sinnlich und intim, ohne dabei pornografisch zu wirken. Sie befinden sich in einer Art Schwebezustand, in dem Ideale unterlaufen werden und Widersprüche möglich sind. In den Galerien begegnen wir 99 Mickeys, die Jacob in Reaktion auf Markus Raetz’ Skulptur Form im Raum (1991-92) geschaffen hat. Ihr Werk Fluide Mickey (2020) löst das idealisierte und stereotypische Abbild von Mickey Mouse auf, indem die Künstlerin der Ikone 99 Gesichter gibt. Die facettenreichen Emotionen der Mausgesichter machen unterschiedliche Charakterzüge sichtbar. Jacob personifiziert die Kunstfigur und transformiert so das Kollektive ins Individuelle.

Simon Ledergerber (*1977 in Brunnen, lebt in Zürich und arbeitet in Biel) wählte aus der Kunsthaus-Sammlung das Werk from white earth (1993) des niederländischen Künstlers herman de vries. Darin zeigt sich die Landschaft nicht bildlich, sondern in Form von Erdabrieben auf Papier, die sich zu einer minimalistischen Präsentation von Monochromen zusammenfügen. Im Zentrum seines Schaffens steht die Natur als Lebens- und Erfahrungsraum. Simon Ledergerber stellt diesem Werk seine Arbeit Vor dem Gesetze (nach Kafkas Text) (2019) gegenüber, mit dem er auf Franz Kafkas Türhüterparabel verweist. Er arbeitet meist mit natürlichen Materialien, beschäftigt sich mit Arbeitsprozessen und mit Fragen der Formwerdung. Rohmaterial in eine Form zu bringen, ohne seine Eigenschaft zu dominieren, sondern das miteinzubeziehen, was im Material bereits angelegt ist, steht im Fokus des Künstlers. So finden sich seine Werke oft im Spannungsfeld zwischen Natur und Künstlichkeit.

Projekt Till Velten im Sammlungsraum und im NMB Neues Museum Biel

Als Seitenprojekt präsentiert der Künstler Till Velten (*1961 in Wuppertal, D, lebt und arbeitet in Zürich und Berlin) im Sammlungsraum des Kunsthauses sein kuratorisches Projekt TAUSCHEN. Eine Arbeit von Till Velten. In der Zusammenarbeit mit dem NMB schuf er einen Austausch von Werken aus den beiden Sammlungen, die er am jeweilig anderen Ort präsentiert. Indem er Werke aus der Kunsthaus-Sammlung im NMB ausstellt und umgekehrt, möchte er aufzeigen, wie die Grenzen zwischen den angewandten Künsten, die im NMB beheimatet sind, und der sogenannten freien Kunst, gesammelt im Kunsthaus, verschwimmen. Aus dem Institutionentausch ergibt sich ein veränderter Blick: Es zeigt sich, wie stark ein Werk durch seine Umgebung und die Wahrnehmung der Betrachter*innen bestimmt wird. Die Arbeit wird ergänzt durch zwei Video-Interviews mit den Direktorinnen und Kuratorinnen der beiden Institutionen, die mit ihrer Macht, Kunstwerke aus dem Schlaf des Depots für eine gewisse Zeit in den Fokus der Wahrnehmung zu rücken, konfrontiert werden.

Kuratorinnen der Ausstellung

Felicity Lunn, Direktorin, und Stefanie Gschwend, wissenschaftliche Mitarbeiterin Kunsthaus Centre d’art Pasquart

Künstlerinnengespräch

So 5.7.2020, 14:00 (dt)                Béatrice Gysin, Katrin Hotz und Jeanne Jacob im Gespräch mit Felicity Lunn und Stefanie Gschwend.

Öffentliche Führungen

Do 13.8.2020, 18:00  (fr)             Laura Weber, Kunsthistorikerin. Gefolgt von einem Konzert.

Do 3.9.2020, 18:00    (dt)            Felicity Lunn und Stefanie Gschwend, Kuratorinnen der Ausstellung

Mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Kunsthaus-Sammlung Pasquart.