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Clare Goodwin

Constructive Nostalgia

31.1.2016-10.4.2016

Die Gemälde von Clare Goodwin (*1973, GB) sind – auf Linien, Formen und Muster reduziert – formal präzise „hard-edge“ Kompositionen. Ihre Gewohnheit, die Werke mit englischen Namen, die in der Vergangenheit gebräuchlich waren, zu betiteln, erweitert das nüchterne Feld der geometrischen Abstraktion um Humor und Intimität. Den Gemälden werden dadurch mögliche Erzählungen sowie Bezüge zu realen und fiktiven Menschen eingeschrieben. Goodwin bewegt sich nur scheinbar im Kontext des Erbes der Zürcher Konkreten. Von deren mathematischem und logischem Konzept unterscheidet sie sich durch ihren Ansatz einer abstrahierten, emotionalen Repräsentation der sichtbaren Welt. Goodwins Ausstellung eröffnet einen Dialog zwischen neueren Gemälden und einer Auswahl älterer Arbeiten, einem Video, sowie Objekten aus Bronze und aktuellen Marmorskulpturen. Diese sind in der Ausstellung räumlichen Interventionen gegenübergestellt.  Auch wenn zehn Jahre zwischen der Entstehung einzelner Werkgruppen liegen, wurzeln sie alle in Goodwins reduktionistischem Ansatz und sind von ausrangierten Gegenständen aus den 1970er- und 80er-Jahren inspiriert. Durch ihre ästhetischen und symbolischen Qualitäten erlangen die Gemälde den Status von zeitgenössischen „memento mori“.

Obschon Goodwin vorwiegend als Malerin bekannt ist, geht ihre Arbeit in andere Bereiche über wie die Skulptur, die Wandmalerei und die Einbeziehung von Objekten in „Environments“, in denen die Umgebung Teil der Arbeit ist. Ausgehend von vorgefundenen Mustern auf altem Stoff und Schnickschnack, die ein Gefühl von Zeit, Geschichte oder Verlust vermitteln, können ihre Gemälde als Ikonen einer anderen Ära betrachtet werden. Angefangen von den frühesten Kitchen Paintings bis zu den jüngsten Werken, die an gemalte Scherben und Schnitte erinnern, hat Goodwins Arbeit einen fundamentalen Wandel durchlaufen. Die formale Präzision und die geometrische „hard-edge“ Formensprache ihrer Werke haben sich in den späten 1990er-Jahren herausgebildet. Die wiederkehrenden Motive und Kompositionen aus markanten vertikalen und horizontalen Linien wurden zu einem zentralen Stilelement der Kitchen Paintings der frühen 2000er-Jahre, welche auf Bildern aus Lifestyle-Zeitschriften der 1970er-Jahre basieren, die ideale modulare Küchensysteme und Innenausstattungen zeigen.

Goodwin begann 2011 und 2013 mit Kiss on the Blue und Unforced Errors zwei neue Werkgruppen von Gemälden zu realisieren. Der Fokus lag auf der strengen formalen Komposition sich überkreuzender Streifen, auf Linie und Form und weniger auf der Farbgebung und brachte schliesslich gänzlich schwarze Gemälde hervor. Die verlaufenden Tintenlavierungen, welche die Künstlerin 2015 im Rahmen ihrer neuesten Serie Curtain Paintings einzubeziehen begann, waren ein radikal neuer Ansatz. Der Prozess dieser Gemälde beginnt mit einem gestischen Schwung des Auftragens von Tinte. Der Fluss der Tinte wird unterbrochen durch die sie überlagernden Schichten mit langen, schmalen, dreieckigen Formen in Schwarz und Grau. Trotz des starken Kontrasts zu den Kitchen Paintings, stellen sie auch eine Rückkehr zu ihnen dar, da ihre Titel den Übergang zwischen Innen- und Aussenraum heraufbeschwören. Nicht nur die Farben und Designs von Goodwins wachsender Sammlung abgenutzter Kleider werden dabei in Erinnerung gerufen, sondern auch der Geruch der Menschen, die diese Kleider einmal besassen sowie das Umfeld, in welchem diese möglicherweise getragen wurden. Obschon es sich um nahezu abstrakte Gemälde handelt, vermögen sie trotzdem konkrete Aspekte der Wirklichkeit wiederzugeben.

Die Tatsache, dass ihre Gemälde eine abstrakte Form der Porträtmalerei sind, zeigt sich in Goodwins Verfahren, ihre Gemälde mit gebräuchlichen britischen Namen von Erwachsenen in den 1970er- und 80er-Jahre zu betiteln. In ihrer gemeinsamen Geschichte der Reduzierung auf Linie und Muster sind es bei diesen Arbeiten die Namen, die die Geschichte in Gang setzen. Die möglichen Erzählungen, romantische oder witzige, vermenschlichen die sterile und geordnete Welt der geometrischen abstrakten Ästhetik, wodurch Goodwin sich von den Zürcher Konkreten unterscheidet.

Es ist offenkundig, dass Goodwin sich schon immer für den räumlichen Aspekt des Bildes interessiert hat, ob es die architektonischen Umgebungen der Kitchen Paintings sind oder die Illusion von Raum in den aktuelleren Arbeiten. Das 1:1-Verhältnis ist durchgehend ein zentraler Faktor in ihrer künstlerischen Arbeit, während ihre Installationen, „Environments“ und Wandmalereien eine zusätzliche Erweiterung der vielfältigen Blickwinkel und des Momentes der Bewegung in den Gemälden darstellen. Dieser Ansatz hat sie für die Publikation, die anlässlich der Ausstellung erscheint, noch erweitert. Goodwin realisierte dafür eine Serie von 48 farbigen Gemälden, die im genauen Grössenverhältnis von 1:1 abgedruckt werden.

Eine Gitarren-Performance eröffnet den Abend. Fünf Autorinnen, darunter Studierende des Schweizerischen Literaturinstituts, HKB, tragen anschliessend ihre Erzählungen vor, die sich auf Gemälde von Clare Goodwin beziehen. Gleichzeitig wird die Publikation lanciert, die im Rahmen der Ausstellung Constructive Nostalgia erscheint.

Kuratorin der Ausstellung: Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus Pasquart

 

Clare Goodwin, Ausstellungsansichten / vues d’exposition / exhibition views Kunsthaus Pasquart 2016
Fotos / Photos: Stefan Rohner.