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ANNA BARRIBALL

15.4.-10.6.2018

Anna Barriball (*1972, GB) realisiert Zeichnungen, Skulpturen und Videos, welche die verborgenen Bedeutungen im Alltäglichen und im Übersehenen freilegen. Für ihre Zeichnungen architektonischer Elemente wie Türen, Fenster und Mauern überträgt sie strukturreiche Oberflächen als Abdruck auf Papier. Dieser zeitintensive Prozess resultiert in reliefartigen Bildern, welche die Dreidimensionalität des ursprünglichen Materials bewahren. Die Wechselwirkung zwischen Objekt und Fläche ist auch eine Eigenschaft ihrer Skulpturen, für die sie ihren eigenen Körper mit Tuschezeichnungen eingewickelt hat. Ebenso vermögen ihre Videos die Räumlichkeit der Monitore zu aktivieren, auf denen sie gezeigt werden. Eine jüngste Entwicklung in Barriballs Werk ist die Zuwendung zu leuchtenden Farbspektren. Die Ränder ihrer Zeichnungen sind von fluoreszierendem Glühen durchzogen und fliessende Farbebenen überfluten ihre Videos. Die Transformation von Texturen sowie die Andeutung von Atmosphäre und Stimmung entfalten sich in einer Bildsprache, die das Innenleben der Dinge, die uns umgeben, offenbart.

Anna Barriballs Arbeitsmethode ist aussergewöhnlich physisch und ihre Zeitempfindung und Ausdauer sind wesentlicher Bestandteil der Zeichnungen und Skulpturen. Dabei wird der zeitintensive Schaffensprozess in den schimmernden Oberflächen der Zeichnungen erkennbar. Für deren Umsetzung benutzt sie Bleistift, Pinsel oder ihre Finger, um das Papier auf die ganze Fläche des strukturierten Objekts zu pressen. Deshalb gleichen ihre Werke auf Papier monochromen, flachen Reliefskulpturen und sind weniger Darstellungen von Dingen, sondern wirken vielmehr wie eigenständige Objekte.

Die architektonischen Elemente in den Zeichnungen und Videos stammen aus Barriballs gewohnten Lebensraum: ihre Wohnung, ihr Atelier. Die Übersetzung in die zeichnerische Dreidimensionalität wurzelt in ihrer persönlichen Wahrnehmung davon. Die Wirkung ist manchmal unheimlich, wie beispielsweise im Fall von Draw (fireplace) (2005), wo der Luftzug im Kamin durch die Bewegung des Transparentpapiers sichtbar gemacht wird. Es entsteht der Eindruck, als ob ein Gebäude atmen würde. Im Gegensatz zu den dichten Bleistift-Abdrucken von Türen, Fenstern und Wänden sind die Arbeiten der Serie Blinds (2015-16) aus Papierstreifen, die Barriball auf der Vorderseite mit weisser Tusche überzogen und auf der Hinterseite orange oder pink fluoreszierend eingefärbt hat. Sie zeigen die Präsenz von Licht hinter dem Werk und verweisen auf das Interesse der Künstlerin am Minimalismus.

Barriball betrachtet die häusliche Umgebung als eine Erweiterung von uns selbst, die auch das Ungesehene, Gefühlte oder Wahrgenommene beinhaltet. Der Aspekt der Erinnerung in ihrer Arbeit ist also untrennbar verbunden mit dem Umfeld und die damit verbundenen Gefühle und Fantasien der Kindheit spielen eine vordergründige Rolle. Andererseits werden auch halbvergessene Objekte und Situationen durch zufällige Begegnungen in Erinnerung gerufen. Die Installation Yellow Leaves (2011) beispielsweise war inspiriert von Vorhängen, die sie auf einem Markt entdeckte und welche identisch mit denjenigen sind, die in den 1970er-Jahren in ihrem Elternhaus hingen.

Die Beziehung zwischen Zeichnung und Fotografie ist ein zentrales Element in Barriballs Arbeit. Wie Fotografien sind ihre Zeichnungen minutiös detaillierte Dokumente und füllen – ohne Hierarchie von Informationen – die gesamte Oberfläche des Papiers aus. Um einen Eindruck von Dunkelheit zu erreichen, der so intensiv ist, als würde man durch ein Fenster in die Nacht schauen, überlagerte Barriball für Night Window with Leaves (2015) zahllose Schichten von Pigment und Bienenwachslack. Die Schwierigkeit des Fixierens der Schichten von trockenem Pigment widerspiegelt sich in der Flüchtigkeit von Dunkelheit.

Die Präsenz von Farbe in ihrer Arbeit hat in den letzten Jahren zugenommen und zeigt sich sowohl im subtil orangen Glühen um die Ränder der Sunrise/Sunset Zeichnungen (2014) wie auch in den 2013 entstandenen Videoloops, die in intensive Farben getaucht sind. Die Künstlerin interessiert sich hier für ein Mittel, mit welchem die Atmosphäre eines gesamten Bildes – Temperatur, Tageszeit oder Vorahnung – aufgeladen oder gesteigert werden kann. Ein Verfahren, das ursprünglich im Stummfilm angewendet worden ist. Sieben verschiedene Videoloops flackern innerhalb des Raumes der Monitore. Atmend, pulsierend, blinkend widerspiegeln die Rhythmen des Montageschnitts die Bewegungen des Körpers. Die Loops werden zu einer Suche nach Etwas und so zu einem geisterhaften Spiel von Schatten und Reflexionen.

In Echtzeit vibrieren im Werk Daylight (2013) die Schatten der Blätter, bewegt zwischen Schärfe und Unschärfe, während die Sonne durch die Wolken dringt. Das bewegte Bild wird durch weisse Leerstellen unterbrochen und ist von gelbem, intensivem Sonnenlicht durchdrungen. Die Standfotos im Videoloop von Moonlight (2013) wurden mit einer digitalen Kamera, Autofokus und Blitzlicht in der Nacht durch Fenster unbeleuchteter Gebäude hindurch gemacht. Die Kamera kämpfte bei jedem Bild damit, etwas zu finden, das sich fokussieren lässt. Die entstandenen Bilder zeigen jedes Mal eine Überraschung: die Überschichtung von Staub auf der Oberfläche der Glasscheiben, die Reflexion der Künstlerin oder das gespiegelte Blitzlicht der Kamera und die Einblicke in eine Welt hinter den Fenstern.

Die hellen und intensiven Farben dieser jüngsten Videos übertrugen sich auf die neue Serie Screen (2018). Jede Arbeit hat die Grösse einer Türe und jedes tiefschwarze Blatt ist durch eine jeweils andere Farbe « beleuchtet» und an eine bestimmte Stimmung gebunden. In der Dreikanal-Video-Installation Fade (2017) überziehen Farben kontinuierlich das Bild und spielen mit unserem Sinn für die Wirklichkeit. Ohne dass sich eine Narration entwickelt, verändert sich entsprechend der Temperatur des Bildes auch die Atmosphäre darin. Der Schatten, der sich im Gegenuhrzeigersinn über die Projektion bewegt, erinnert an den Sekundenzeiger einer Uhr. Wie ein Wimpernschlag oder der Verschluss einer Kamera, evoziert die zeitweilig einsetzende Dunkelheit auch eine digitale Abtastung: Momente, in denen das Bild an der Schwelle zwischen Sichtbarkeit und Verdunkelung steht.

Die Ausstellung im Kunsthaus Pasquart ist Anna Barriballs erste Einzelausstellung in der Schweiz.

Kuratorin der Ausstellung

Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus Pasquart

Publikation zur Ausstellung

Zur Ausstellung erscheint eine reichbebilderte Publikation mit Ausstellungsansichten und Texten von Anna Barriball, Margaret Iversen und Felicity Lunn im Verlag für moderne Kunst (DT/FR/ENG). → Publikation Anna Barriball


Öffentliche Führungen

Do 3.5.2018, 18:00    (dt)   Felicity Lunn, Direktorin Kunsthaus Pasquart

Do 17.5.2018, 18:00   (fr)    Kathleen Vitor, historienne de l’art

Künstlergespräch

Do 7.6.2018, 18:00    (eng) Anna Barriball im Gespräch mit Felicity Lunn


Anna Barriball, Fade, 2017, Video / vidéo, Detail / détail; Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London; Courtesy Be-Part, platform for contemporary art, Belgium
Anna Barriball, Ausstellungsansichten / vues d’exposition / exhibition views Pasquart 2018, Fotos / photos: Julie Lovens