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Aernout Mik

30.4.2016-30.6.2016

Aernout Mik (*1962, NL) hinterfragt politische Instanzen und soziale Schieflagen der globalen Gemeinschaft und lässt daraus Videoinstallationen entstehen. Inspiriert durch Alltagsbilder der Medien, realisiert Mik mit SchauspielerInnen mehrkanalige Videoarbeiten, die auf Gross-leinwänden gezeigt werden. Obschon seine Videos fiktiv sind, vermitteln sie den Eindruck des Dokumentarischen und evozieren dadurch ein Wahrnehmungsspiel zwischen Wirklichkeit und Inszenierung. Im Kunsthaus CentrePasquArt präsentiert Aernout Mik zwei Videoarbeiten, die zum ersten Mal in der Schweiz gezeigt werden.

Die Ausstellung reflektiert den Umstand, dass Menschen Systeme wie die Finanzwirtschaft oder gewisse Technologien erschaffen haben, die sich nicht mehr beherrschen lassen und dadurch zu einer existenziellen Bedrohung werden können. Exemplarisch dafür steht die Nuklear-katastrophe von Fukushima, welche die Ausgangslage der begehbaren Videoinstallation Cardboard Walls, 2013 ist. Auf zwei Projektionen ist ein Flüchtlingslager zu sehen, in dem die Betroffenen in temporären Kartonkojen untergebracht sind. Die Ereignisse verdichten sich, wenn das Direktionsgremium der für den Unfall verantwortlichen Firma eine öffentliche Entschuldigung erbringt und daraus kollektive Frustration, Betroffenheit, Solidarität und zuletzt Befreiung hervorgeht. Die räumliche Installation in der Salle Poma, ein Labyrinth ebenfalls aus Karton, erlaubt es den Betrachtenden, sich in die prekäre Situation hineinzuversetzen. Dadurch wird die Erkenntnis hervorgerufen, dass die Gefahren unkontrollierbarer Systeme letztlich alle Menschen betreffen können.

Die künstlerische Arbeit von Aernout Mik basiert auf seiner aufmerksamen und kritischen Beobachtung einer Welt, die ständigen wirtschaftlichen und politischen Spannungen unterworfen ist. Einer Welt, in der in den westlichen Gesellschaften ein grundlegendes Mass an sozialer und existenzieller Sicherheit im Moment noch gewährleistet ist. Die Konsequenzen des Klimawandels oder des Neoliberalismus scheinen diese zivilisatorischen Errungenschaften jedoch zu unterlaufen. Obschon die Medien kontinuierlich über diese kritischen Entwicklungen berichten, sind viele Menschen offenbar immun gegen die impliziten Warnsignale. Solange das Leben in der Komfortzone nicht bedroht ist, so der Eindruck dieser Welt, bleiben diese Probleme lediglich störende Hintergrundgeräusche im alltäglichen Leben.

Die Explosionen während des Nukleardesasters im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi waren in einem Umfeld von mehreren Kilometer zu hören. Am 11. März 2011 fiel infolge eines Erdbebens die elektrische Energieversorgung aus und führte zu einer ungenügenden Kühlung der Reaktor-kerne und zu mehreren Kernschmelzen. Aernout Mik nimmt dieses Ereignis zum Anlass, um anhand der Videoinstallation Cardboard Walls ökologischen und wirtschaftlichen Kontrollverlust, die Ausbeutung und Kontamination der Umwelt, Machtverschiebungen zwischen Institutionen und Individuen und letztlich nichts Geringeres als den Fortbestand der Menschheit zu thematisieren.

Auf zwei mitten im Ausstellungsraum hängenden Bildschirmen sind Flüchtlinge in einer Halle zu sehen, die zwischen instabilen Kartonwänden mit ihren verbliebenen Habseligkeiten untergebracht sind. Sie spielen Karten, schlafen oder unterhalten sich. Auf die Entschuldigungs-rituale der Direktionsmitglieder der Firma Tokyo Electric Power Company (Tepco) folgen emotionale Ausbrüche, wobei Ergriffenheit und Unverständnis eine offene Eskalation verhindern. Die Machtverhältnisse verschieben sich auf irritierende Weise, wenn die Firmenvertreter sich unter die Flüchtlinge begeben und sich in den Kojen schlafen legen. In einem Anflug von kollektiver Emanzipation fällt die anfängliche Apathie gänzlich in sich zusammen, die Menschen reissen die Kartonwände ein und tragen sie schliesslich zu einem Haufen zusammen.

Der Künstler arrangiert hier eine Situation, die nicht weit entfernt von einer möglichen Wirklichkeit liegt und bedient sich der Gegebenheit, dass Inszenierungen gegenwärtig ungefragt als Realität aufgefasst werden. Die Identifikation mit den ProtagonistInnen des Videos ist also auch der dokumentarischen Ästhetik zuzuschreiben, welche das fiktive Szenario als real erscheinen lässt. Das Spiel mit alltäglichen Ritualen und sozialen Verhaltensweisen macht die Szenen zusätzlich vertraut. Bei den Betrachtenden kann dies eine Rückbesinnung auslösen und Fragen zu ihrer Einflussnahme auf politische und ökonomische Systeme hervorrufen. Fragen, die in der Performance Untitled, 2013 im Rahmen des Forschungskongresses FORMER WEST: Documents, Constellations, Prospects am Haus der Kulturen der Welt Berlin noch weiter getrieben wurden. Die Performance, die als Video die Ausstellung vervollständigt, testet die Grenzen des Ungehorsams und der Zuwiderhandlung. Während zwei Tagen waren SchauspielerInnen an den Vorlesungen anwesend. Unmittelbar am Ende eines gut besuchten Vortrags im Auditorium melden sie sich plötzlich mit lautstarkem Zungenreden zu Wort und stören die Konzentration der Anwesenden. Ihre Körper vermitteln Aufbegehren, versprühen Revolte und verfallen letztlich in einen stillen Trancezustand.

Aernout Mik versteht seine begehbaren Videoinstallationen als Bühnen der Gegenwart, auf denen er sowohl die DarstellerInnen seiner Videos wie auch die Betrachtenden selbst auftreten lässt. Cardboard Walls kommt jedoch ohne wortreiche Gesten oder unterlegte Geräuschkulisse aus. Das tonlose Werk vermag die Identifikationsprozesse zwischen den Betrachtenden, die gleichsam Teil des Werks werden, und den ProtagonistInnen in den Vordergrund zu rücken und scheint den Sand im Getriebe der globalisierten Welt hörbar zu machen.

 

 

 

 

 

 

The work Cardboard Walls has been produced by Aichi Triennale, Aichi and Aernout Mik, with additional support by the Mondriaan Foundation, Amsterdam and the Netherlands Film Fund, Amsterdam

Aernout Mik, Ausstellungsansichten / vues d’exposition / exhibition views Kunsthaus Centre d’art Pasquart 2016
Fotos / Photos: D. Müller.
Kurator der Ausstellung; Damian Jurt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Kunsthaus Pasquart