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DELPHINE REIST

Mitarbeiter denken positiv

29 Januar – 26 März

Die Einzelausstellung von Delphine Reist (*1970, CH) beleuchtet ein gesellschaftliches Modell, das vor dem scheinbaren Kollaps steht. Hierfür untersucht die Genfer Künstlerin mit Installation und Video die Auswirkungen der Globalisierung, Rationalisierung und Automatisierung unserer Wirtschaft. Mit einer Fabrik vergleichbar, die aus Fertigungsanlage, Treibstoffreserve, Werkzeuglager, Büros oder Umkleideräumen besteht, erinnert die Ausstellung an einen seltsam entrückten Produktionsort. Behälter für synthetischen Schaum sind zur Explosion gebracht worden oder Schreibtischstühle kreisen um ihre eigenen Achsen. Durch die Transformation von Alltagsgegenständen in unzweckmässige Apparate hinterfragt die Künstlerin unsere technisierte Umwelt und ihre selbsterhaltende, inhaltslose Eigendynamik. Effizienz übersetzt sich in Ironie, Funktionalität in Schalk. In ihrer umfangreichsten Präsentation bisher lässt Delphine Reist das Bild einer Ökonomie entstehen, die den Fortschrittsgedanken hinter sich gelassen hat und sich in leerlaufendem Aktionismus verliert.

Weit abseits der nüchternen Ausstellungsräume des Kunstbetriebes, an Orten wie stillgelegten Industriehallen, brachliegenden Baustellen oder leergeräumten Bürokomplexen, begann Delphine Reist ihre künstlerische Entwicklung. Sie liess Einkaufswagen auf einem Parkplatz zum Rotieren bringen oder Leuchtstoffröhren wie von selbst aus ihren Halterungen fallen. Bis heute zeichnet sich ihre Arbeitsweise durch die Aneignung und Verfremdung von Gegebenheiten vorgefundener Räume aus. Als Reaktion auf die aktuelle Weltwirtschaft setzt die Künstlerin Werke aus fünfzehn Jahren zueinander in Beziehung, um Aspekte wie Energiedebakel, fehlgeleitete Produktionsabläufe, sinnentleerte Verwaltungsjobs oder ambivalenter Positivismus in den Fokus zu rücken.

Gegenstände wie Fahrzeuge, die wir in unserem Alltag benutzen, sind so modifiziert, dass sie sich selbstständig bewegen und geisterhaft ein Eigenleben entwickeln. So ist das Werk Parking (2003) ein Auto, dem vollständige Autonomie verliehen wurde. Man hört, wie der Anlasser versucht, den Motor zu starten, und sieht, wie es sich ansatzweise in Bewegung setzt. Der Vorgang wiederholt sich, endlos, beinahe zwanghaft. Die missglückten Startversuche des leeren Fahrzeugs erscheinen dabei wie letzte Zuckungen eines überholten Wohlstandssymbols, dem der Treibstoff ausgegangen ist.

Die Beziehungen zwischen Überwachung und Freiheit, Ordnung und Misswirtschaft kommen im Werk Etagère, 2007 zum Ausdruck. Die Installation zeigt Arbeitsgeräte wie Kreissägen, die in einem Regal hinter Plexiglas eingeschlossen sind und sich in unterschiedlichen Zeitabständen in Gang setzen. Die festgelegte Ordnung des Regals steht in Widerspruch zu den unberechenbaren Bewegungen der Werkzeuge. Für Retour de couche, 2010 kam eine Sprinkleranlage zum Einsatz, die statt Wasser rote Farbe versprühte. Das Resultat sind chaotisch wirkende Farbspuren an der Wand. Die Szene eines totalen Kontrollverlusts verweist eindringlich auf umweltunverträgliche Produktionsformen oder ständig lauernde Gefahren wie berstende Ölpipelines. Hochgehaltene Versprechen zu Nachhaltigkeit und Sicherheit erscheinen in diesem Licht fadenscheinig. Das Werk Carton, 2012 befasst sich mit Produktionsüberschüssen und ihren Auswirkungen auf den Markt. Durch Schüsse aus einem Luftgewehr sind verschiedene mit expandierendem Schaum gefüllte Behälter, die auf einem schlichten langen Sockel aufgereiht sind, aufgeplatzt. Die chemische Masse trat schliesslich hervor und verteilte sich im ganzen Raum.

Die Arbeiten Cent fleurs epanouies, 2009 und Stores, 2011 sind zwar in unterschiedlichen Zeiten entstanden, stehen aber in einer sich ergänzenden Wechselwirkung. Bürostühle sind lose im Raum verteilt und drehen um ihre Achsen, an der Wand ist eine Gruppe von Jalousien angebracht, die rhythmisch auf- und zuschnappen. Wie für eine Bühne inszeniert, führt der vermeintliche Büroraum die gleichförmigen Abläufe in Verwaltungsabteilungen vor Augen. Sie lassen aber auch erkennen, dass Büromobiliar vordergründig den Arbeitsalltag komfortabler machen soll, Arbeitnehmer jedoch auch an einer festgelegten Struktur festhalten, in der sie einer Arbeit nachgehen, von der sie sich längst entfremdet haben. Réunion, 2012 zeigt Tische, um die herum Bürostühle angeordnet sind, die auf kreisförmigen Farbbahnen stehen. Offensichtlich drehten die Stühle um einen Punkt, zogen dabei Farbe hinter sich her und kamen dann zum Stillstand. Man bekommt den Eindruck, dass hier Produktivität zu einem Alibi verkommen ist.

Als Verweise auf kollektive Katerstimmung und Verschwendung sind für die Installation Motif, 2015 Weinflaschen auf eine drei Meter hohe Wand gestellt und anschliessend zerstört worden. Die gesamte Wandfläche, welche den Raum wie eine Barrikade in der Mitte trennt, ist dadurch mit heruntergelaufenem Wein überzogen. Gruppendynamiken sind auch im Werk Patère, 2013 ersichtlich. Im weitläufigen Korridor sind an einer langen Garderobe, wie wir sie von Umkleideräumen kennen, Sporttaschen aufgehängt. In ihrem Inneren bewegt sich etwas und verleiht den Objekten eine seltsame Zusammengehörigkeit. Als Antwort auf das allzeit geforderte positive Denken in unserer Gesellschaft präsentiert Delphine Reist die Neonarbeit Mitarbeiter denken positiv, 2017, die wie ein Mantra einer optimistisch ausgerichteten Unternehmenskultur zu bejahendem Denken und Handeln anregt. So als Aussage formuliert, wirkt das Werk wie eine unverrückbare Tatsache, was den ironischen Ansatz auch im Rahmen der anderen Werke zusätzlich unterstreicht.

Aus dem realen Leben gegriffen, zeigen die Installationen von Delphine Reist Szenen, die uns allen bekannt sind. Wie verzerrte Spiegelbilder unserer Lebensrealitäten wirken sie vertraut und in ihrer versetzten Logik zugleich befremdend. Mit Witz und Raffinesse schafft die Künstlerin eine Ausstellung, in der Technologien und Produkte nicht mehr ihrer eigentlichen Bestimmung folgen, sondern sich von den Menschen abgesetzt haben, aber doch nicht weit genug gediehen sind, um ihrer Existenz Sinn und Berechtigung zu verleihen.

Kurator der Ausstellung: Damian Jurt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Kunsthaus Pasquart, Biel

Publikation zur Ausstellung
Im Verlauf der Ausstellung erscheint eine reichbebilderte Publikation mit Ausstellungsansichten. Mit Texten von Lea Haller, Damian Jurt und Isabel Zürcher, Verlag für Moderne Kunst (ENG / DT / FR).

Ausstellungsansichten / Vues d’exposition / Exhibition views Pasquart Kunsthaus Centre d’art 2017, Fotos / Photos: Stefan Rohner.